Vom Klang des Schweigens
Wenn zwei Menschen in einem Restaurant ohne Gespräch ihr Essen verzehren, dann ist das ein trauriges und leeres Schweigen. Aber es gibt auch ein anderes Schweigen, das ist lebendig und erfüllt. Es wird getragen von einer Sehnsucht, die weit über alles Gesprochene hinausgeht. Es entsteht, wenn ein Mensch etwas hören möchte, das hinter der Welt der Worte liegt. Denn diese Wirklichkeit gibt es. Gott will zu uns sprechen, aber um seine Stimme zu hören, müssen wir selber endlich einmal aufhören zu reden. Das wusste auch schon der Psalmbeter, wenn er sagt: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin.“ (Ps. 46,11)
Es gibt deshalb in jeder Religion die Schweigenden, die sich in die Gegenwart Gottes versenken. Im Christentum finden wir dafür zwei Traditionslinien. In der westlichen, der römisch-katholischen Kirche ist es der breite Strom der Mystik, der vom frühen Mittelalter bis heute fließt, und in der orthodoxen Kirche, in Russland und in Griechenland, gibt es die noch viel ältere Praxis des Herzensgebetes, eine Meditationsweise, bei der immer wieder nur ein Satz gebetet wird, wie z.B. „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ Der Geist kommt dabei langsam zur Ruhe, die Gedanken werden weniger, sie konzentrieren sich immer mehr auf den Einen, auf Gott, der sich irgendwann wortlos der Seele mitteilt. Diese wird gerne mit einem See verglichen, der zuerst vom Wind bewegt wird und viele Wellen hat. Langsam wird er ruhiger, bis sich das Licht der Ewigkeit in seiner Oberfläche spiegeln kann, weil sie vollständig glatt geworden ist.
Leider haben wir in unserer evangelischen Kirche den Anschluss an diese Traditionen weitgehend verloren. Wir sind eine Kirche des Wortes und der Lehre geworden. Das ist schade und bestimmt nicht im Sinne Luthers. Er kannte als Mönch die kontemplative Praxis und hat seine entscheidende Erkenntnis, dass nur Gott die Seele retten kann, durch einsames Gebet gewonnen. Und um das zu erfahren, müssten auch wir eigentlich einmal schweigen, d.h. selber gar nichts anderes mehr tun, als auf die Gnade Gottes zu warten und uns ihm anzuvertrauen.
Genau das versuchen wir jeden Montag Abend in der Universitätskirche bei der Zeit der Stille.
Da kommen wir um 19.00 Uhr für eine Stunde zusammen. Im Mittelpunkt steht eine 20-minütige Stille. Jeder ist in dieser Zeit mit sich allein, und das ist manchmal nicht ganz einfach, denn wir müssen uns selber ohne Zerstreuung aushalten. Aber die Übung lohnt sich, denn auch wir können dabei die Erfahrung machen, dass Gott da ist und endlich einmal zu Wort kommt.
Wer einml für längere Zeit still werden und sich dafür ein paar Tage Zeit nehmen möchte, dem sei das Evanglische Gethsemanekloster in Riechenberg dafür herzlich als Ort der Einkehr und Stille empfohlen.
Wir sind so sehr verraten
von jedem Trost entblößt.
In all den schrillen Taten
ist nichts, das uns erlöst.Wir sind des Fingerzeigens,
der plumpen Worte satt,
wir woll’n den Klang
des Schweigens,
das uns erschaffen hat.Gewalt und Gier und Wille
der Lärmenden zerschellt,
o komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.Werner Bergengruen
